Keiner bekommt sein Fett weg! Oder: Warum uns das Abnehmen so schwer fällt.

Immer neue Diäten suggerieren den Menschen, dass Abnehmen ganz leicht ist. Dabei tut der Körper alles dafür, kein Gewicht zu verlieren. Warum wir folglich (fast alle) dicker werden:

Nur 5% der Menschen in den Industrieländern verfügen über eine Figur, die als Idealfigur von Frauenzeitschriften, Modellabels und der Lebensmittelindustrie angepriesen wird.

Das ersehnte Ziel einer schmalen Taille verfehlen die wohlgenährten Menschen in den reichen Ländern zuverlässig, und deshalb kommen zu den Hunderten Diäten, die es bereits gibt, jedes Jahr Dutzende neue hinzu. Dabei liegt es nicht an der individuellen Willensschwäche, wenn die Körperfülle trotz intensiver Mühen nicht weniger wird.

Über Jahrtausende hat der menschliche Körper Mechanismen perfektioniert, um Nahrung in idealer Weise aufzunehmen und zu speichern.
Ob Verdauung, Leber, Bauchspeicheldrüse, Muskulatur Fett oder Gehirn, alle Organe sind darauf ausgerichtet, dass Essen Lust bereitet und Spass macht – und Abnehmen zur freudlosen Tortur wird.

In der renommierten Fachschrift „Nature“ beschreiben Forscher , welche Nervenbahnen dazu beitragen, dass sich Hunger peinigend anfühlt und schlechte Laune macht- während der Snack zur unwiderstehlichen Versuchung wird:

  • Hungersensitive Zellen, die sog. AGRP-Neuronen, sind im Gehirn – dem Hypothalamus – aktiv , wenn der Körper darben muss. In der Folge werden jene Hirnzentren stimuliert, die auch bei Ärger und Unzufriedenheit eine Rolle spielen.
  • Es gibt also Neuronen, die dafür sorgen, dass man sich mies fühlt, wenn man Hunger hat! Diese Signale sind so stark, dass man sie schwer ignorieren kann.
  • Der Körper entwickelt  sofort Impulse, die unangenehme Nervenaktivität zu unterdrücken.
  • Die AGRP-Neuronen werden bereits zum Schweigen gebracht, wenn Nahrung in Sicht ist und die Vorfreude auf eine Mahlzeit steigt: Diese Nerven sind Teil eines uralten Motivationssystems, das Menschen dazu bringen soll, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dazu gehört es eben auch, sich auf Nahrungssuche zu begeben, weil man diese lästigen Neuronen abschalten will.
  • An Phasen des Mangels über Jahrtausende gewöhnt, tut der Körper in Zeiten des Überflusses nichts dafür, schlank zu bleiben.

Australische Forscher haben im New England Journal of Medicine gezeigt, welche Hormonveränderungen stattfinden, wenn der Mensch Kilos verliert und das niedrigere Gewicht zu halten versucht. Ihr ernüchterndes  Fazit: Sogar wenn es jemand schafft, ein paar Pfunde loszuwerden, bleibt der Mechanismus mehr als 1 Jahr im „Hungerstoffwechsel“. Das heisst, er speichert effizienter als je zuvor die Energie, die ihm zugeführt wird. Und das zeigt sich schnell wieder an Bauch und Hüften – und führt zum Jo -jo- Effekt und der Frustration aller Diät-Willigen.

Mechanismen, die früher für das Überleben wichtig waren, machen im Wohlstand krank. Im Gegenteil, sie führen zu Zivilisationsleiden wie Übergewicht und Diabetes.

Der Körper hat ein geballtes Aufgebot parat, um nicht dünn zu werden

  • Das Hirn aktiviert sein Belohnungssystem, sobald Essen nur in der Reichweite ist, und macht aus jedem, dem der Magen knurrt, einen garstigen Menschen.
  • Die Leber optimiert ihre Stoffwechselwege, um möglichst viel aus den Nährstoffen herauszuholen.
  • In der Bauchspeicheldrüse wird die Balance zwischen Energieumsatz und Speicherung reguliert.
  • Und das Fettgewebe weiss seine Depots optimal zu füllen.
  • Etliche Hormone, die Inkretine, werden im Magen-Darmtrakt ausgeschüttet und modellieren die Aktivität der beteiligten Organe.

Im Fachblatt „Science Translation Medicine“ berichten Wissenschaftler über 25 Marker für mögliche Gründe der Übergewichtes, gefunden im Urin bei 2000 untersuchten Freiwilligen: Doch lassen sich daraus auch keine Schlüsse ziehen, die den Weg zu einer neuen Schlankheitspille öffnen. Denn: „Man muss sich die Gewichtsregulation wie ein riesiges Orchester vorstellen, in dem viele Mitglieder eine Rolle spielen.“

Obwohl alles in ihrem Körper dagegen spricht, kasteien sich die Menschen und machen sich Vorwürfe, wenn die Pfunde entweder gar nicht purzeln – oder kurz nach der Diät sofort wieder da sind. „Die ausgeklügelten oben erwähnten ausgeklügelten Mechanismen unseres Organismus zeigen, warum abnehmen so schwerfällt und die Therapie für Ärzte wie Patienten oft frustrierend ist“.

Hoffnung für Extrem-Übergewichtige könnte ausgerechnet von einer Disziplin kommen, die auf den ersten Blick eher grob wirkt: Werden Teile des Magens oder des Darmes operativ entfernt, verkürzt sich nicht nur die Passagezeit der Nahrung und damit die Chance, Nährstoffe aufzunehmen, sondern es werden auch jene Stellen herausgeschnitten, an denen Inkretine und andere Stoffwechselregulatoren ausgeschüttet werden und wirken. Der Name für diesen relativ neuen Zweig der Medizin: Metabolische Chirurgie.

Quelle: FAZ vom 18.5.2015, Foto: © viperagp, Fotolia.com